Benedikt XVI. „Letzte Gespräche“: „Damit ist mein Werk getan“

„Letzte Gespräche“ heißt das Buch, in dem Papst Benedikt XVI. Bilanz zieht – und mit dem Journalisten Peter Seewald über den Papstrücktritt, seine Jugend und den Zustand der katholischen Kirche in Deutschland spricht.

Eine Rezension von Tobias Rauser
Benedikt XVI. mit Peter Seewald, Letzte Gespräche“, Droemer Knaur

Ein Papst, der in Interviewform auf sein Leben zurückblickt. Was nach einer Sensation klingt, ist auch eine. Noch nie hat es das gegeben. Schon die Einzigartigkeit dieses Buches reizt den Leser. Frage und Antwort, ein Gespräch mit Journalisten Peter Seewald über Vergangenheit und Zukunft, über Persönliches und seine Kirche.

Die Interviews zu verschiedenen Themen, die im Buch zusammengefasst sind, wurden kurz vor und nach dem Rücktritt des Papstes von Seewald geführt – als Hintergrundgespräche für eine Biografie. Die Texte wurden von Benedikt XVI. freigegeben. Ein Umstand, den man dem Buch nicht anmerkt. Die Antworten des emeritierten Papstes sind oft kurz angebunden, kantig und ungeschliffen. Sprachlich wirken die Passagen von Benedikt XVI. wie geradeheraus gesprochen. Fast meint der Leser, den Papst (leise) sprechen hören zu können. Das wirkt authentisch und gar nicht so unnahbar, wie Benedikt oft in den Medien dargestellt wird.

Die Themen sind vielfältig: der Rücktritt, seine Jugend, die Papstwahl, viele wichtige Ereignisse im Leben des Kardinal Ratzinger und Papst Benedikt XVI. Viele der Informationen werden über die Fragen von Seewald vermittelt, oft bestätigt und korrigiert der Interviewte nur.

Ein Thema: Der Rücktritt. Benedikt nimmt Stellung zu Gerüchten und beschreibt in aller Kürze, was ihn zu diesem Schritt bewogen hat und wie er ihn begründet. Durch seinen Rücktritt habe „das Papstamt von seiner Größe nichts verloren, auch wenn die Menschlichkeit des Amtes vielleicht deutlicher hervortritt.“ Der Leser erfährt, wie der Entschluss langsam reifte und wann er seinen Entschluss traf: im August 2012 nach seiner Mexiko-Kuba-Reise. Es ist deutlich zu spüren: Benedikt ist mit sich und seinem revolutionären Entschluss im Reinen.

Das größte Kapitel des Interview-Buches widmet sich dem Werdegang von Josef Ratzinger. Seine Jugend, der zweite Weltkrieg, seine Entscheidung zum Priesterberuf. Sehr detailliert beschäftigen sich die Gesprächspartner mit den Jahren als Student, Kaplan, Professor und Bischof – und diskutieren spannende Begegnungen (und Auseinandersetzungen), etwa mit Hans Küng.

Zum Abschluss von „Letzte Gespräche“ wird es dann nochmal sehr konkret. Es geht um die katholische Kirche in Deutschland. Unüberhörbar seine Kritik, im Vergleich zum Rest des Buches sehr klar formuliert und im Ton weniger versöhnlich. „Ich habe große Zweifel, ob das Kirchensteuersystem so, wie es ist, richtig ist“, sagt er. Und: „Die automatische Exkommunikation derer, die nicht zahlen, ist meiner Meinung nach nicht haltbar.“ Er kritisiert den „etablierten und hochbezahlten Katholizismus“ und einen „Überhang an Geld“ in Deutschland mit „angestellten Katholiken, die dann der Kirche in einer Gewerkschaftsmentalität gegenübertreten“. Benedikt wünscht sich eine Dynamik des Glaubens, mehr Überzeugung und Freiwilligkeit – wie etwa in Italien.

Das Buch, das schon aufgrund der Interviewform und zusätzlich durch die Vielzahl an Themen Abwechslung verspricht, hält sein Versprechen: Es ist ein spannender und vielseitiger Ritt durch das Leben des emeritierten Papstes. Zwar ist der Interviewer mehr Stichwortgeber als kritischer Konterpart. Aber schließlich soll das Buch auch keine kritische Auseinandersetzung von Begleitern und Beobachtern mit dem Wirken des deutschen Papstes sein, sondern seine Chance, ein letztes Mal auf wichtige Wegmarken zurückzublicken. Und wer etwas genauer liest, der findet durchaus auch selbstkritische Zeilen, etwa wenn Seewald Benedikt in mit einem Zitat konfrontiert, dass sein Interesse „nur dem Forschen und Schreiben“ gelte. Der Papst widerspricht, aber gibt auch zu: „Vielleicht habe ich zuviel gedacht und geschrieben, das kann schon sein.“

Wer sensationell Neues, polarisierende oder selbstkritische Worte erwartet hat, der wird sicherlich enttäuscht. Das Buch bietet wenige wirkliche Aufreger, es sind die leisen und anspruchsvollen Töne, die im Gedächtnis bleiben. Ein Buch, das den Menschen hinter der Rolle des Papstes durchschimmern lässt und das Lust macht, sich mit einzelnen der zahlreich angesprochenen Themen näher zu beschäftigen. Ein Buch, das zum Einstieg in das Leben und Wirken des deutschen Papstes sehr gut geeignet ist, viel Wissen vermittelt und an dessen Ende man dem Menschen hinter dem Papstamt etwas näher gekommen ist.

Benedikt XVI., Peter Seewald
Letzte Gespräche
978-3-426-27695-2
19,99 Euro (gebunden)
288 Seiten
Verlagsgruppe Droemer Knaur

 

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