Zur Zukunft des Christentums – Beiträge zur Ökumene

„Der Weg ist nicht das Ziel.“ Mit diesem Titel ist einer der Beiträge des Heftes „Nach der Glaubensspaltung – Zur Zukunft des Christentums“ überschrieben. Es ist einer von zahlreichen Artikeln, die sich in der 60-Seiten-Zeitschrift mit der Ökumene beschäftigen.

Eine Rezension von Tobias Rauser
Nach der Glaubensspaltung: Zur Zukunft des Christentums

Das Heft zum Reformationsjahr vereint unterschiedlichste Autoren, die in Meinungsbeiträgen einen bestimmten Aspekt der ökumenischen Entwicklung beleuchten. Ziel des Heftes soll es sein, die Diskussion über Ökumene weg von der Spielwiese für Eingeweihte und der „selbstgenügsamen Selbstbeschäftigung“ hin zur großen Frage nach der Zukunft des Christentums zu lenken. Weg von der „Spezialisten-Ökumene“, wie es die Redaktion in ihrem Editorial formuliert.

Dieser Anliegen wird auf der einen Seite gut umgesetzt, da die Vielzahl der Artikel, Autoren und Perspektiven zusammen ein spannendes und umfassendes Bild über die zahlreichen Zukunftsthemen der beiden Kirchen geben. Auf der anderen Seite wird es aber oft auch sehr speziell und komplex. Wer sich bisher noch kaum mit den Besonderheiten der Trennung beider Kirchen auseinandergesetzt hat, wird an der ein oder anderen Stelle wohl die Lust an den wissenschaftlichen Texten verlieren.

Gelungen ist auf jeden Fall die Zusammenstellung der Autoren und Themen, es dürfte für jeden Leser etwas dabei sein. Gegliedert sind die Beiträge in die Kapitel „Kirchen“, „Theologie“, „Gesellschaft“ und „Kunst“. Es sind bekannte Namen dabei, vorne weg sind Margot Käßmann, Wolfgang Huber, Klaus Mertes und Norbert Lammert zu nennen.

Zum Großteil sind die Autoren Professorinnen und Professoren – und das ist an der Sprache an einigen Stellen durchaus zu spüren, wenn die Sätze sperrig, die Wörter komplex und die Aussage schwierig zu erfassen ist. Verstärkt durch das sehr „wissenschaftliche“ und absolut nüchterne Layout (es gibt ganze Seiten ohne ein Bild oder eine Zwischenüberschrift), muss der Leser schon eine gehörige Portion Leidenschaft und Motivation mitbringen, um in die Texte hineinzukommen.

Dadurch, dass (bis auf ein Interview zu Beginn des Heftes) alle Beiträge im Stil einer Erörterung eines bestimmten Spezialthemas oder zur Begründung einer These einen ähnlichen Aufbau haben, gibt es keine Heftdramaturgie oder Abwechslung in den Formaten. Das Heft eignet sich also weniger als „Lektüre in einem Rutsch“ (es sei denn, man hat sehr viel Ausdauer), sondern ist immer wieder eine kurze intensive Lektüre, um eine bestimmte These genauer unter die Lupe zu nehmen.

Insgesamt finden sich 17 Aufsätze in der Zeitschrift – drei möchte ich hier kurz vorstellen.

Das mit „Streitgespräch“ überschriebene Interview mit Wolfgang Huber und Klaus Mertes ist zwar nur an wenigen Stellen ein Streitgespräch, aber dennoch interessant. Beide werben für die Ökumene und sprechen über konfessionelle Unterschiede und die Entkirchlichung der Gesellschaft.

Der spezielle, aber lesenswerte Beitrag des Theologen Johann Hinrich Claussen beschäftigt sich mit der These „Das Christentum hat ein Darstellungsproblem“. Wie können Protestanten und Katholiken ihre Inhalte und Botschaften im öffentlichen Raum darstellen? Welche Rolle spielen Bilder und moderne Formen? Welche Rolle kann moderne Kunst spielen und wie kann man (etwa beim Reformationsgedenken) eine zeitgemäße Ästhetik erreichen?

Der dritte Beitrag von Norbert Lammert (CDU, Präsident des Bundestages) ist mit „Der Weg ist nicht das Ziel“ überschrieben. Eindrucksvoll, klar und sehr persönlich beschreibt er, was ihn im Jahr des Reformationsjubiläums umtreibt. „Meine Sorge ist, dass danach aber alles bleibt, wie es vorher war“, sagt er. Er hält nichts von „versöhnter Verschiedenheit“. Lammert will endlich Fortschritte sehen, in der Praxis und ganz konkret. Sein Eindruck ist, „dass das, was die Überwindung der Kirchenspaltung verhindert, nicht Glaubensunterschiede sind, sondern in erster Linie das Selbstbehauptungsbedürfnis von Institutionen“. Das will er nicht akzeptieren.

Für wen ist das Herder Korrespondenz Spezial nun die richtige Lektüre? Für alle, die Lust haben, das Thema Ökumene aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und die auch vor manchmal sperrigen und wissenschaftlichen Texten nicht zurückschrecken. Wer einen grafisch ansprechenden sowie leicht zugänglichen Einstieg in Alltagsfragen der Ökumene erwartet, der wird wohl enttäuscht.

 

Herder Korrespondenz Spezial
Nach der Glaubensspaltung – Zur Zukunft des Christentums
Zeitschrift, Ausgabe 2/2016
Verlag Herder
60 Seiten
978-3-451-02723-9
9,95 Euro (PDF 7 Euro)

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