„Franz von Assisi“ von Hermann Hesse – Lebensgeschichte eines Heiligen

Ein sehr altes, aber auch heute noch sehr lesenswertes Buch hat Hermann Hesse im Jahr 1904 verfasst: „Franz von Assisi – mit farbigen Bildern der Fresken von Giotto und einem Essay von Fritz Wagner“ aus dem Insel Verlag.

Eine Rezension von Tobias Rauser
„Franz von Assisi“ von Hermann Hesse, insel taschenbuch

Hermann Hesse und Franz von Assisi? Der Literaturnobelpreisträger verehrte Franz von Assisi – und hat ihm eine Monographie gewidmet, die schon im Jahr 1904 erschienen ist. Die Texte Hesses über das Leben Franz von Assisis sowie Legenden über ihn sind zusammen mit drei weiteren Werken in dem Buch „Franz von Assisi“ erschienen.

Der Kern des Buches ist die Erzählung des Lebens des Heiligen. Und Erzählung ist dabei wörtlich gemeint: Wer den Text liest, hört im Geiste einen Erzähler reden, der begeistert eine Geschichte ausbreitet, bunt, in geschwungenen Worten, in einem plaudernden Ton und etwas volkstümlich anmutend. Auf den ersten Zeilen wirkt das etwas ungewöhnlich, doch schon rasch reißt einen die Geschichte mit.

Hesse beschreibt die Jugend Franz von Assisis, der aus nicht-adeligem, sehr wohl aber aus wohlhabendem und angesehenem Hause stammt. Schon in der Jugend zeichnet ihn sein fröhliches Gemüt aus. Seine Träume sind immer radikal, doch eines Tages kommt der Bruch. Auf dem Weg, als Ritter in den Kampf zu ziehen, bricht er ab und verändert sein Leben. „Da geschah es, daß am ersten Reisetag der Jüngling Gottes Stimme vernahm, also daß er im Herzen erzitterte und die köstlichen Bilder der Lust und Eitelkeit in ihm zerrannen“.

Er verkauft sein Eigentum, bricht mit dem Vater und emanzipiert sich von ihm.

„Da aber sein Vater ihn mit großem Zorne verstieß und enterbte, legte der Jüngling demütig sogleich seine Kleider von sich (…). Dieses war des Franziskus Vermählung mit der heiligen Armut.“

Fortan predigt er und gewinnt immer mehr Anhänger. Das Besondere im Wirken des Franz von Assisi kommt dabei deutlich ans Licht: Er ist glaubwürdig, seine Worte einfach und liebevoll. Er fordert nur das, was er selbst bereit war zu tun. Hesse beschreibt diese Vorgänge voller Begeisterung und sehr warmherzig – die Faszination springt dabei über auf den Leser.

Es folgen die weiteren Stationen im Leben des Heiligen. Sein Gang nach Rom und die Erlaubnis zum Predigen und die Gründung seines Ordens der minderen Brüder. Was bleibt, ist die Fokussierung auf Armut, eine Lebensfreude und Konsequenz in Glaubensfragen.

Hesse formuliert zur Lebensgeschichte (dem Kern des Buches) noch kleinere Legenden über Franz von Assisi, etwa „St. Franziskus gebietet den Schwalben und predigt zu den Vögeln“, und fügt auch den Text des Sonnengesangs (laudes creaturaum) an. Die ungeheure Faszination dieses Heiligen, auch begründet in seiner Heiterkeit und seinem Verhältnis zur Natur, werden durch diese Legenden noch verstärkt.

„Gepriesen seist Du, o Herr, durch unsere Schwester und Mutter Erde, die uns erhält und regiert.“

Bebildert ist die Lebensgeschichte des Heiligen Franz durch Fresken von Giotto. Im Original sind diese Meisterwerke des Malers und Baumeisters in der Basiclica di Francesco in Assisi zu sehen. Abgerundet wird das Buch durch zwei weitere Texte Hesses, eines davon eine fiktive Geschichte über die Jugend Franz von Assisis. Auch hier schafft es Hesse, seine Begeisterung zu transportieren.

Hilfreich für das Verständnis ist dabei das Essay von Fritz Wagner aus dem Jahr 1986, der zum Abschluss des Buches den Text von Hesse einordnet und viele weitere Informationen vermittelt. Der Leser erfährt etwa, dass so manche Details aus der (fiktiven) Jugendgeschichte Parallelen zur Biographie des Autors Hesse aufweisen.

Was bleibt nach der Lektüre? Ein Staunen über einen Menschen, der seinem Ideal mit voller Wucht und letzter Konsequenz folgt. Das Wundern über die Entscheidung zu einem Leben in völliger Besitzlosigkeit, um seine innere Freiheit zu erlangen. Fragen von ungeheurer Wucht, die sich viele Christen und Nichtchristen auch heute stellen.

Die Vielfalt und Besonderheiten des Buches (der Autor, die Erzählweise, die Fresken und die verschiedenen Texte und Textformen) sind zwar auf den ersten Blick etwas verwirrend, aber das Studium der Texte lohnt sich.

„Und so geschah es auch, daß die zarte und selige Gottesbotschaft, welche in des Franziskus Gestalt zur Erde kam, nicht mit seinem Tode erlosch. Er hatte aus vollen Händen einen guten Samen über die Erde hingestreut, und die Saat ging auf und wuchs und erblühte.“

Das Buch von Hesse ist mehr als eine neutrale Erzählung des Lebens eines Heiligen. Der Leser spürt in jeder Zeile die innere Teilnahme des Autors. Die Konsequenz des Franz von Assisi beeindruckt – vor allem in Bezug auf Demut und Armut. Und so lässt die Lektüre den Leser heiter, nachdenklich und angeregt zurück.

Hermann Hesse
Franz von Assisi.
Mit farbigen Bildern der Fresken von Giotto und einem Essay von Fritz Wagner
insel taschenbuch
10 Euro, 127 Seiten
978-3-458-32769-1

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*