Woher eine Ethik nehmen? Von Kurt Marti und Robert Mächler

Ein Streitgespräch über Vernunft und Glaube. Im kleinen Buch „Woher eine Ethik nehmen?“ widmen sich der Theologe Kurt Marti und der Agnostiker Robert Mächler großen Fragen: Was hält unsere Gesellschaft zusammen? Sind Vernunft und Glaube ein Widerspruch? Und was bedeutet eine christliche Ethik konkret für den Alltag?

Eine Rezension von Tobias Rauser 

Es ist ein Disput, ein Streit, der das Wesen des Glaubens und Zweifelns berührt. Welche Grundwerte sollten unser Zusammenleben in der Gesellschaft prägen? Und sind diese Werte und Überzeugungen ohne Religion überhaupt möglich? Kurt Marti und Robert Mächler diskutierten diese essentiellen Fragen in zwei längeren Briefwechseln schon vor vielen Jahren – das Buch „Woher eine Ethik nehmen?“ fasst diese Korrespondenzen in einem Buch zusammen.

Die kurzen Briefe sind nur wenige Seiten lang, schnell erfassbar und auch für den Laien gut verständlich. Sie werden durch eine These eingeleitet und sind prägnant und eingängig formuliert. Der Leser kann der spannenden Diskussion (auch dank einiger Provokationen beider Briefeschreiber) immer folgen. Das Buch, soviel vorweg, ist der gelungene Versuch, den „Simplifikationen der Fundamentalismen beider Seiten eine praktizierte Gesprächskultur entgegen zu setzen“.

„Aber dann ist man kein Christ mehr“

Im ersten Teil diskutieren Marti und Mächler über die Bibel und die Frage nach der Allmacht Gottes. Ist unser Leben vorbestimmt – und kann man Gott haftbar machen für das Übel der Welt? Die These des Theologen Martis: „Gott ist Liebe.“ Er hält das Leben nicht für vorbestimmt und Gott nicht für allmächtig. Dass er sich damit im Widerspruch zu manch anderem Theologen befindet, ist ihm klar. Für Marti steht jedoch fest: Das Festhalten an diesem Gottesbild der „erhabenen Allmacht“ bedeute in der Konsequenz schließlich „erhabene Gleichgültigkeit oder Sadismus“. Mächler hält ihm Bibelstellen und wirft ihm vor, es sich zu leicht zu machen. „Man kann sich nämlich über die Paradoxie eines allmächtigen Gottes, der bei bekannter Weltbeschaffenheit die Liebe ist, mittels Erbaulichkeit hinwegtäuschen. Das ist allgemeiner Christenbrauch. Oder man kann auch aus ehrenwertem Respekt vor der Denkschwierigkeit den allmächtigen Gott ablehnen. Aber dann ist man kein Christ mehr.“

„Ethisch relevant wird erst eine von der Liebe gesteuerte, inspirierte Vernunft“

Wohl das Kernthema ist des Buches, das vor allem im zweiten Teil ausführlich diskutiert wird, ist die Frage: Reicht eine „selbstkritische Menschenvernunft“ als Grundlage für eine Ethik und das Zusammenleben in der Gesellschaft aus? „Eine rechte, selbstkritische Menschenvernunft lehrt Menschenliebe, es bedarf dazu keiner Offenbarung“, sagt Mächler. „Ethisch relevant wird erst eine von der Liebe gesteuerte, inspirierte Vernunft“, entgegnet Marti.

Der Theologe Marti teilt die These Mächlers, dass eine autonome Vernunft Menschenliebe lehre, nicht. Im Gegenteil: „Vernunft, sagt nämlich der Sozialdarwinist oder Kapitalist, lehrt den unerbittlichen Konkurrenzkampf aller gegen alle – Liebe ist Schwärmerei“, entgegnet er. Marti sieht in der Geschichte keinen Beweis dafür, dass aus der Vernunft abgeleitet werden müsse, dass Menschenliebe das Sinngemäße und Sein-Sollende sei. Er hält es mit Böll: „Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab, für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe für die, die in der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen.“

Einigkeit: Liebe muss Teil der Ethik sein

Mächler stimmt zwar zu, dass „Liebe“ unbedingt Teil einer Ethik sein müsse. Er glaubt jedoch, dass sich Vernunft und Liebe nicht ausschließen. Die Vernunftforderung müsse den gleichen Rang einnehmen wie das Liebesgebot. „Der hochgradig kompromisslosen christlichen Ethik gegenüber ist die meinige ein Kompromiss“, schreibt er. Die Ethik, die ihm vorschwebt ist kollektivistisch, die die Menschheit nur leiten könne, wenn diese von Religionen und dogmatischen Ideologien befreit sei. Nötig sei eine „Erziehung aller Völker zu grundsätzlich richtigem Denken und Tun“. Auf dem Boden eines vernunftmäßigen Kollektivismus könne dann ein gesunder Individualismus gedeihen, so die These Mächlers.

Die hier beschriebenen Diskurse sind nur ein Bruchteil der Themen, die die beiden in ihren Briefen streifen. Sei es die Bedeutung der Bibel, der Kult um Jesus, das Leben des Franz von Assisi, die Sexualität und der vermeintliche Asketismus des Christentums oder der Missbrauch des Glaubens – alles Fragen, mit denen sich Gläubige und Nicht-Gläubige auseinandersetzen. Dass gerade Mächler ab und an durch Einzelbeispiele polarisiert und etwas vom Grundsätzlichen ablenkt, ist nicht störend, sondern der Spannung des Briefwechsels eher zuträglich.

Begegnung mit dem inneren Agnostiker oder Gläubigen

Das Buch lehrt am Rande – unabhängig von den konkreten Inhalten – etwas anderes: Es lohnt sich immer, sich über Glaube und Nicht-Glaube zu unterhalten. Wer sich ernsthaft und mit dem echten Willen, den anderen zu verstehen, mit den großen Lebensfragen auseinandersetzt, lernt dazu. Natürlich besteht auch die Gefahr, dem Agnostiker oder dem Gläubigen in sich selber zu begegnen.

Die Briefe zeigen einen gelungenen Mix aus Provokation und Ernsthaftigkeit. Die großen Fragen bleiben trotz des ab und an um sich greifenden „Zitier-Biblizismus“ immer greifbar und im Fokus der Autoren. Marti und Mächler sind sich dabei oft nah, vor allem in dem Wunsch, wie die Wirklichkeit gestaltet werden soll. Doch welcher Weg ist richtig? Welche Rolle spielt Gott und der Glauben? Die Briefwechsel rühren an die essentiellen Fragen unseres Lebens, der Gesellschaft und des persönlichen Glaubens – ein absoluter Lesetipp!

„Woher eine Ethik nehmen?“
Streitgespräch über Vernunft und Glauben.
Mit einem Vorwort von Werner Morlang
152 Seiten, gebunden, 15,90 Euro
Nagel & Kimche
ISBN 978-3-312-00293-1

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